Lehrergeständnisse: Kaum ein Schüler braucht später Physik

Ein Beitrag von  Jan-Martin Klinge, 32, Lehrer an einer Gesamtschule in NRW.

Physikunterricht: Lehrpläne lassen Lehrern kaum Freiheiten für die Unterrichtsgestaltung
Jan-Martin Klinge weiß, dass seine Schüler später wenig aus dem drögen Physikunterricht erinnern werden. Außerdem würde der Lehrer viel lieber Themen behandeln, die Spaß machen. Doch die Vorgaben aus dem Ministerium sind strikt – und unrealistisch.
Wenn ich ehrlich bin, mache ich mit meinen Schülern gern Unsinn. Mit einem Physikkurs habe ich zum Beispiel einmal recht viel Zeit vor der Leinwand verbracht. Wir haben Action-Filme geguckt und uns gefragt, ob das alles wirklich sein kann: Würden Spidermans Arme der Belastung seiner Heldentaten standhalten? Wie viele Hamburger müsste der Superheld Flash essen, um so schnell wie das Licht laufen zu können? Und kann Arnold Schwarzenegger tatsächlich so entspannt aus dem Handgelenk ballern, ohne mit der Wimper zu zucken?
Es ging dabei um viel angewandte Physik und eine Menge Mathematik. Aber vor allem ging es mir darum, dass meine Schüler mit Spaß lernen – und dabei will ich realistisch bleiben: Meine Schüler werden später vermutlich genauso viel oder wenig von Physik brauchen und wissen, wie jeder andere Mensch auch.
Aber sie werden sich hoffentlich daran erinnern, wie wir stundenlang berechnet haben, ob der Unglaubliche Hulk bei seiner Masse überhaupt normalen Betonboden betreten könnte oder ob man sich wie Bruce Willis in “Stirb langsam 1” tatsächlich mit seinen Fingerkuppen an einem Vorsprung auffangen könnte, nachdem man einen Fahrstuhlschacht hinabgerutscht ist.
Nur: Wer glaubt, Lehrer könnten sich ständig kreative Aufgaben ausdenken, liegt leider falsch.
Im Alltag sind wir viel zu häufig hin- und hergerissen zwischen dem, was wir gern machen würden und dem, was wir machen müssen. Zentralabitur, Vergleichsarbeiten und immer striktere Vorgaben im Lehrplan zwängen uns in ein enges Korsett. Die Kultusministerien nehmen uns Jahr für Jahr mehr Freiheiten in der Unterrichtsgestaltung. Das hilft zwar der Vergleichbarkeit zwischen Schulen und Ländern und gibt uns Lehrern einen roten Faden an die Hand.
Es führt aber auch zu Langeweile und Frust bei den Kollegen. Langeweile, wenn man in Deutsch zum x-ten Mal das gleiche Buch lesen lassen muss und Frust, wenn die Vorgaben der Ministerien schlicht nicht einzuhalten sind.
Wie soll ich mit meinen Schülern “computergestützt Produkte” entwickeln, wenn mir die nötige Ausstattung fehlt? Wie soll ich den Kindern beibringen, in den Naturwissenschaften “englischsprachige Quellen” zu nutzen, wenn viele noch mit Deutsch kämpfen?
Die Wahrheit ist: Viele der vorgegebenen Themen fallen unter den Tisch, weil sie inhaltlich nicht umzusetzen sind. Weil wir Lehrer mit dem anderen Stoff nicht so schnell durchkommen, wie die Mitarbeiter in Ministerien es gern hätten. Weil Unterricht ausfällt, wegen Krankheit oder Schulveranstaltungen. In der Zeit, die bleibt, versuche ich dann, hastig das Nötigste in die Kinder hineinzupressen.
Mich ärgert, dass ich viel zu selten die Chance habe, Dinge zu tun, die allen Seiten auch Vergnügen bereiten. Zum Beispiel die Physik von Superhelden zu analysieren.
Quelle: DPA aus Spiegel Online

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